12.03.2007

versprochen (einem hyperboreer)

versprochen hatte sich herr ü. schon oft, noch viel öfter hatte er zu viel versprochen. dem unbedingt lesenswerten hyperboreer zum beispiel, noch einmal mal genauer in den zusammenhang von lüge und wahrheit, geschichte und geschichten zu tauchen. mein lieber t.m., (das neue bild wirkt sehr sympathisch) neben all dem henze, bach, piazzola und einigen tiefsthematischen diskussionen mit leuten, auf die ich höre, weil sie so mutig leben, nun auch noch das.

mir fiel immer nur der heiner müller und der tacitus ein, an dem der erste ja seinen heidenspass hatte. ich war mal (ich war oft) im teutoburger wald, und irgendwann, auf den eisenplatten dort an dem turm, an all den merkwürdigen konstruktionen, die schlaue schweizer aufgestellt haben, da habe ich es dann begriffen und mich halb tot gelacht, bin nach osnabrück gefahren und habe mir beim wenner sofort nochmal eine germania nachgekauft, um sie über nacht zu lesen. es ist ein gutes beispiel. tacitus war ein geschichtsschreiber, wie du besser wissen wirst als ich. seine berichte sollten genaue geschichtsabbildungen sein. und berühmt ist er für sein grandioses scheitern darin geworden. denn zum beispiel seine germania ist letztlich ein sittenspiegel seiner eigenen gesellschaft geworden! achtung! ein spiegel zeigt alles verkehrt herum! müller hat sich sehr mit dem tacitus befasst, da er ein brillianter erzähler aber eben auch grosser lügner war. viele der stereotypen die er über die germanen erfand, gelten bis heute noch. sind sie sogar wahr? sind sie wahr geworden? oder waren sie es schon immer? lies die germania!

es gibt keine wahrheit. hast du dich schon mal getrennt? bei deinem hohen alter anzunehmen. lass deine ex und dann dich auf ein tonband reden, was, wann wie und warum gelaufen ist. es gibt wahrheiten. keine wahrheit.

auch die abwesenheit von lüge ist noch lange keine wahrheit. die lüge ist noch etwas ganz anderes, die lassen wir hier mal raus. denn die lüge ist die

behauptung von wahrheit

sie behauptete etwas, das es nicht gibt.

und es ist eine wichtige funktion des geschichten erzählens, die geschichte zu beeinflussen. und zwar nach vorn! ich beeinflusse die zukunft, wenn ich mein bild des gestern oder auch des heute gebe. autoren die das können bleiben. wir hingegen versinken im müll der geschwätzigkeit. der aber ist der flokati der welt. als mehr sehe ich mich nicht. aber auch nicht als weniger.

in "himmel über berlin" fragt sich der alte curt bois "homer" in anbetracht der wüste potsdamer platz und seines nahen todes: "wer soll die geschichten weiter erzählen?" für mich eine der wichtigsten fragen im film.

wir verschenken zeit, wenn wir streiten, ob wahr ist was der andere erzählt. wie es der andere erzählt. dafür haben wir den disput, die diskussion, die demokratie. wenn jetzt hunderte sagen: ja auch ich wurde so schweinisch zu meiner IM unterschrift gezwungen, dann können wir die geschichten von denen erzählen, die nicht unterschrieben haben. ich muss nicht schreien: du lügst! ich erzähle einfach die andere geschichte.

geschichte ist immer geschichte der sieger. das gilt auch für die in ihr liegende wahrheit. "das leben der anderen" ist ein gut gebauter film, hollywoodlike. meiner meinung nach, darf er eine geschichte erzählen, die hätte sein können. ja so schön hätte es sein können. die welt braucht geschichten von helden. auch in der stasi gab es die. deren wahre geschichte zu erzählen ist viel zu kompliziert als das, was jetzt millionen verstehen. wir müssen damit leben, dass die meisten nicht begreifen werden, wie wir gar nicht so unwohl in diesem system aufwuchsen. genau so wie wir selbst nicht begreifen, wie abermillionen vernünftige menschen einem hitler nachrannten.

was sieht man in dem film? wie brutal es ist, wenn die dummheit regiert und wie am ende doch der geist und sein feuerpferd, die sprache, den sieg davonträgt. in einer "stasischmonzette" (schon dafür gehört der hübchen mal wieder geküsst) wird eine ganz grosse alte wahrheit erzählt. dafür darf man lügen. denn auch in der ddr hat letztlich die wahrheit gesiegt. die wahrheit des geistes. der geist. der ist eben nicht eine wahrheit. vielleicht ist wahrheit die parallelität von mehreren.

es gibt nur eine lüge.
das ist die behauptung, immer die wahrheit zu sagen.
und es ist dumm.
weil es gibt nicht eine wahrheit.
aber das alles wissen wir doch.
oder?

4 Kommentare:

Anonymous Anonym meinte...

Der Tacitus ist notiert.

Mehr später :)

6:37 AM  
Blogger Herr Ü. meinte...

und mach schnell. im moment wird ja ermittelt, dass es die schlacht im teutoburger wald nie gegeben habe. was ein lustiges licht auf die wissenschaft der letzten jahre würfe. noch ein lesetipp: "der golem der forschung." wahrheit ist etwas wirklich sehr relatives.

4:55 PM  
Anonymous Anonym meinte...

Ich hab grad PENDELN gelesen. Oh Maaaaaann ...

5:06 PM  
Blogger Herr Ü. meinte...

ich musste einen moment überlegen, was du meinst.
jetzt habe ich einen roten kopf. sieht zum glück keiner unter meiner grünen maske. danke.

5:20 PM  

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