Götz Schwirtz
Monolog des barmherzigen Zeitgenossen
So bitt ich Dich herein, die Tür steht offen. Ja komm hinein in unser heiliges Jahr.
Auch deinetwegen ist es eines der Barmherzigkeit. Wir werden dran erinnert, denn du bist Mensch und nicht nur Thema, seit dein Haus brannte und du losliefst, ein Land zu suchen, wo die Häuser nicht brennen. Du bist ein Mensch und keine Politik, wohl aber ihr Opfer. Wer wenn nicht du soll durch die heiligen Pforten schreiten in diesem Jahr? Uns geht es um den Seelenfrieden, Dir einfach nur ums Leben.
Der Glaube, der nicht deiner ist, rät mir zu fasten, fordert die Ein- und Umkehr jetzt. Doch sehe ich schwarz, wenn ich in mich gehe und Dich wenn ich mich umblicke. In unserer Welt hier sind wir gerne leicht und vorn. Und glauben uns längst vorbeigezogen, vorbei an Allen und Allem, auch an Dir und Deiner Welt. Dein Trümmerfeld liegt hinter mir.
Der Glaube, der nicht deiner ist, verliess mich beim rennen für mein Brot, das glutenfrei sein soll. Rennen muss ich für mein Brot, weil ich später noch Zeit brauche. Zeit für Musse und Kontemplation. Der Glaube, der keiner mehr ist, wenn ich meditiere statt zu beten, feiert ein heiliges Jahr, in dem der Schuldner seine Schuld verliert und der Unfreie wieder frei wird. Dir kann ich nichts erlassen, da ich dir nichts geliehen habe. Und Freiheit kann ich nur mir selber schenken. Und das ist schwer genug. Aber ich habe ein Zuhause und du bist auf der Flucht. Es ist keine Frage, Dich hineinzubitten, da es das Zurück nicht gibt. Wohin auch zurück? In deine Brandruine unter Maschinengewehrsalven? Es ist nicht unsere Schuld, doch auch nicht deine. Keiner hat keinem was zu vergeben, so unter uns, Bruder. Du bist am falschen Ort geboren, mehr nicht. Gebär Dich neu bei uns. Doch ist die Welt auch hier kein Ponyhof. Wir haben keine ausgebrannten Häuser, wir haben Burnout.
Setz Dich doch. Leg ab und nimm Platz an meinem grossen Tisch. Magst Du Kaffee oder Tee? Bier hab ich nicht. Das Wasser ist gut bei uns. Wasser ist ein Grundrecht und das kommt aus der Wand. Das wir hier so gut leben, liegt auch daran, dass wir uns das Wasser verkaufen. Merk Dir: Uns geht es so gut, weil wir uns alles verkaufen. Und dafür müssen wir leben. Toten verkaufst Du nichts. Nicht mal den Sarg. Darum finde ich auch gut, dass wir uns das Wasser verkaufen. Ich bin offen. Ich bin liberal. Ich akzeptiere fast jeden Standpunkt und finde viele Seiten gut. Man nennt das auch Opportunist, ich nenne es Okkasionalist. Du wirst das auch werden. Schau erst nach den Gelegenheiten, bevor du eine Meinung hast. Aber wem sag ich das. Du bist auf der Flucht, deine Meinung trug dich hierher, du hast sie an den Sohlen. Dein letzter Standpunkt wurde von einer Handgranate zerfetzt wie das Gesicht deines Vaters. Ich spreche Dir Mut zu, denn ohne Standpunkt bringt man es hier weit. Wir lieben die, die wissen was Überleben wert ist. Du wirst es weit bringen! Ich mach Dir jetzt den Tee. Einmal war ich bei Beduinen im Zelt, da gab es auch Tee. Wir mögen Grüntee sehr, der macht uns wach und hält uns schlank. Merk Dir das: Wach und schlank muss man sein, wenn man dabei sein will. Und falls Du fragst wobei - Bei allem! Wir wollen nicht, das Du fett und dumm auf Generationen im Ghetto landest. Wir haben Angst vor den Leuten aus dem Ghetto. Vermeide das Ghetto. Du musst die Sprache lernen, schlank bleiben und über Freizeitaktivitäten sprechen können. Dann bist Du integriert. Wir wollen Dich integriert. Später kannst Du ins Reihenhaus ziehen, Dir einen Hund für die Familie zulegen und mit Deinen Kindern per Facebook kommunizieren. Das alles steht Dir frei, wenn Du dich integrierst. Hab keine Angst vor denen, die Angst vor Dir haben. Das sind nur die, die da sitzen, wo die sitzen, die immer da sitzen.
Nimmst du Zucker in den Tee? Das ist Gift, aber ich habe Xylit, Birkenzucker, der letzte Schrei. Ja merk Dir das, süss ist der Weg in die Unterschicht. Gut der Birkenzucker, oder?
Dazu einen Keks? Ich hab sonst nichts. Aber Kekse sind gut zum Tee, ich habe das von meinem Vater. Da wird es mir immer ganz heimelig. Mürbe dürfen sie sein, ganz einfach und trocken. Kekse zum Tee sind mein Zuhause.
Bring Deine Bräuche mit, wir sind neugierig und bleiben doch bei unseren, wie ich bei Keksen zum Tee. Integriere Dich und tanz uns Deine Tänze, erzähl uns deine Geschichten. Wir lieben Geschichten, die uns die Welt erklären. Ob Supermarkt oder Basar, Hausberg oder Wüste, das Leben will verstanden sein. Gerade wenn man es zusammenschiesst wie deins.
Du bist ein Wandernder. Ein ausgewanderter Wanderer. Flüchtling ist ein dummes Wort, es macht dich so klein, wo dein Schmerz so gross ist. Du bist heraus gegangen aus deinem Land und hinein in dieses hier. Stolz geschwellt sei Deine Brust! Lass Dich nicht zum «-ling» machen und in die Ecke stellen. Sei stolz darauf einer zu sein, der nun in der Welt zuhause ist. Ja das musst Du lernen. Du wirst hier heimisch werden und Heimat wird das Land dir sein. Doch Dein Haus liesst du hinter dir. Du wirst nur neue Häuser finden, nie wieder deins. Doch sei nicht traurig, denn die Welt ist nun dein Platz. Such dir Deine goldenen Küsten und Berge überall und finde sie. Du wirst nun immer ein Anderer sein. Geniesse, überall ein Anderer zu sein. Sieh Dir die Tänze der ganzen Welt an und hör ihre Geschichten. Und dann zeig deine. Erzähl von dir, denn jeder der vom Krieg weiss, soll von ihm erzählen. Die Welt ist das, was wir von ihr erzählen. Und der Besitzer der Hecke ist nicht wichtiger als der sie schneidet.
Wenn der Tee genug war, dann geh jetzt wieder und mach dein Ding. Das ist die Welt in der du gestrandet bist. Wir machen hier unser Ding. Aber jeder seins. Wichtiger als zusammen sein ist sich nicht zu stören. Das ist das Wechselspiel der Individuen.
Du kamst durch meine Tür, die bitte ich zu respektieren, so wie ich deine respektierte, wenn es sie noch gäbe und deine neue respektieren werde, wenn es sie dann gibt. Genau wie bei dir wird auch hier der bestraft, der nicht dran denkt, vor geschlossenen Türen darauf zu warten, hineingebeten zu werden. So leer mein Haus, mein Kopf und meine Seele auch sein mag, diese Leere ist mir und meine die Entscheidung, ob ich Dir erlaube sie zu füllen. Entschuldige, ich weiss, dass du das weisst, weil jeder das weiss, den ich Bruder nenne. Hier in Europa sind wir Brüder im getrennt sein. Brüder im Geiste der allein bleibt. Lass mich allein und sei willkommen!
Monolog des barmherzigen Zeitgenossen
So bitt ich Dich herein, die Tür steht offen. Ja komm hinein in unser heiliges Jahr.
Auch deinetwegen ist es eines der Barmherzigkeit. Wir werden dran erinnert, denn du bist Mensch und nicht nur Thema, seit dein Haus brannte und du losliefst, ein Land zu suchen, wo die Häuser nicht brennen. Du bist ein Mensch und keine Politik, wohl aber ihr Opfer. Wer wenn nicht du soll durch die heiligen Pforten schreiten in diesem Jahr? Uns geht es um den Seelenfrieden, Dir einfach nur ums Leben.
Der Glaube, der nicht deiner ist, rät mir zu fasten, fordert die Ein- und Umkehr jetzt. Doch sehe ich schwarz, wenn ich in mich gehe und Dich wenn ich mich umblicke. In unserer Welt hier sind wir gerne leicht und vorn. Und glauben uns längst vorbeigezogen, vorbei an Allen und Allem, auch an Dir und Deiner Welt. Dein Trümmerfeld liegt hinter mir.
Der Glaube, der nicht deiner ist, verliess mich beim rennen für mein Brot, das glutenfrei sein soll. Rennen muss ich für mein Brot, weil ich später noch Zeit brauche. Zeit für Musse und Kontemplation. Der Glaube, der keiner mehr ist, wenn ich meditiere statt zu beten, feiert ein heiliges Jahr, in dem der Schuldner seine Schuld verliert und der Unfreie wieder frei wird. Dir kann ich nichts erlassen, da ich dir nichts geliehen habe. Und Freiheit kann ich nur mir selber schenken. Und das ist schwer genug. Aber ich habe ein Zuhause und du bist auf der Flucht. Es ist keine Frage, Dich hineinzubitten, da es das Zurück nicht gibt. Wohin auch zurück? In deine Brandruine unter Maschinengewehrsalven? Es ist nicht unsere Schuld, doch auch nicht deine. Keiner hat keinem was zu vergeben, so unter uns, Bruder. Du bist am falschen Ort geboren, mehr nicht. Gebär Dich neu bei uns. Doch ist die Welt auch hier kein Ponyhof. Wir haben keine ausgebrannten Häuser, wir haben Burnout.
Setz Dich doch. Leg ab und nimm Platz an meinem grossen Tisch. Magst Du Kaffee oder Tee? Bier hab ich nicht. Das Wasser ist gut bei uns. Wasser ist ein Grundrecht und das kommt aus der Wand. Das wir hier so gut leben, liegt auch daran, dass wir uns das Wasser verkaufen. Merk Dir: Uns geht es so gut, weil wir uns alles verkaufen. Und dafür müssen wir leben. Toten verkaufst Du nichts. Nicht mal den Sarg. Darum finde ich auch gut, dass wir uns das Wasser verkaufen. Ich bin offen. Ich bin liberal. Ich akzeptiere fast jeden Standpunkt und finde viele Seiten gut. Man nennt das auch Opportunist, ich nenne es Okkasionalist. Du wirst das auch werden. Schau erst nach den Gelegenheiten, bevor du eine Meinung hast. Aber wem sag ich das. Du bist auf der Flucht, deine Meinung trug dich hierher, du hast sie an den Sohlen. Dein letzter Standpunkt wurde von einer Handgranate zerfetzt wie das Gesicht deines Vaters. Ich spreche Dir Mut zu, denn ohne Standpunkt bringt man es hier weit. Wir lieben die, die wissen was Überleben wert ist. Du wirst es weit bringen! Ich mach Dir jetzt den Tee. Einmal war ich bei Beduinen im Zelt, da gab es auch Tee. Wir mögen Grüntee sehr, der macht uns wach und hält uns schlank. Merk Dir das: Wach und schlank muss man sein, wenn man dabei sein will. Und falls Du fragst wobei - Bei allem! Wir wollen nicht, das Du fett und dumm auf Generationen im Ghetto landest. Wir haben Angst vor den Leuten aus dem Ghetto. Vermeide das Ghetto. Du musst die Sprache lernen, schlank bleiben und über Freizeitaktivitäten sprechen können. Dann bist Du integriert. Wir wollen Dich integriert. Später kannst Du ins Reihenhaus ziehen, Dir einen Hund für die Familie zulegen und mit Deinen Kindern per Facebook kommunizieren. Das alles steht Dir frei, wenn Du dich integrierst. Hab keine Angst vor denen, die Angst vor Dir haben. Das sind nur die, die da sitzen, wo die sitzen, die immer da sitzen.
Nimmst du Zucker in den Tee? Das ist Gift, aber ich habe Xylit, Birkenzucker, der letzte Schrei. Ja merk Dir das, süss ist der Weg in die Unterschicht. Gut der Birkenzucker, oder?
Dazu einen Keks? Ich hab sonst nichts. Aber Kekse sind gut zum Tee, ich habe das von meinem Vater. Da wird es mir immer ganz heimelig. Mürbe dürfen sie sein, ganz einfach und trocken. Kekse zum Tee sind mein Zuhause.
Bring Deine Bräuche mit, wir sind neugierig und bleiben doch bei unseren, wie ich bei Keksen zum Tee. Integriere Dich und tanz uns Deine Tänze, erzähl uns deine Geschichten. Wir lieben Geschichten, die uns die Welt erklären. Ob Supermarkt oder Basar, Hausberg oder Wüste, das Leben will verstanden sein. Gerade wenn man es zusammenschiesst wie deins.
Du bist ein Wandernder. Ein ausgewanderter Wanderer. Flüchtling ist ein dummes Wort, es macht dich so klein, wo dein Schmerz so gross ist. Du bist heraus gegangen aus deinem Land und hinein in dieses hier. Stolz geschwellt sei Deine Brust! Lass Dich nicht zum «-ling» machen und in die Ecke stellen. Sei stolz darauf einer zu sein, der nun in der Welt zuhause ist. Ja das musst Du lernen. Du wirst hier heimisch werden und Heimat wird das Land dir sein. Doch Dein Haus liesst du hinter dir. Du wirst nur neue Häuser finden, nie wieder deins. Doch sei nicht traurig, denn die Welt ist nun dein Platz. Such dir Deine goldenen Küsten und Berge überall und finde sie. Du wirst nun immer ein Anderer sein. Geniesse, überall ein Anderer zu sein. Sieh Dir die Tänze der ganzen Welt an und hör ihre Geschichten. Und dann zeig deine. Erzähl von dir, denn jeder der vom Krieg weiss, soll von ihm erzählen. Die Welt ist das, was wir von ihr erzählen. Und der Besitzer der Hecke ist nicht wichtiger als der sie schneidet.
Wenn der Tee genug war, dann geh jetzt wieder und mach dein Ding. Das ist die Welt in der du gestrandet bist. Wir machen hier unser Ding. Aber jeder seins. Wichtiger als zusammen sein ist sich nicht zu stören. Das ist das Wechselspiel der Individuen.
Du kamst durch meine Tür, die bitte ich zu respektieren, so wie ich deine respektierte, wenn es sie noch gäbe und deine neue respektieren werde, wenn es sie dann gibt. Genau wie bei dir wird auch hier der bestraft, der nicht dran denkt, vor geschlossenen Türen darauf zu warten, hineingebeten zu werden. So leer mein Haus, mein Kopf und meine Seele auch sein mag, diese Leere ist mir und meine die Entscheidung, ob ich Dir erlaube sie zu füllen. Entschuldige, ich weiss, dass du das weisst, weil jeder das weiss, den ich Bruder nenne. Hier in Europa sind wir Brüder im getrennt sein. Brüder im Geiste der allein bleibt. Lass mich allein und sei willkommen!


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