Donnerstag, November 30, 2006

jung sterben

herrn ü. war einmal prophezeit worden, jung zu sterben. schnell hatte er das wieder vergessen.
später wollte er mal mit einer frau alt werden und war es neben ihr geworden. so alt hatte die ihn aussehen lassen, dass er gestorben war.

nun liebte er eine jüngere und spürte erstmals wieder die zeit,
die ihm das leben aus den adern riss.
erst jetzt verstand er die weissagung der zigeunerin.
ja, neben dieser frau würde er jung sterben.
und wenn es mit achtzig war.

Mittwoch, November 29, 2006

bescheissen

herr ü. brauchte grad gar keine tücher über den spiegeln mehr. er konnte sich wieder in die augen sehen, seit er wusste, dass er menschen in die augen lügen konnte. mittlerweile hatte er nicht mehr die versteckteste freude daran, andere zu bescheissen.
aber er antwortete.
und immer als spiegel.

Dienstag, November 28, 2006

suchen und finden

herr ü., der seit vielen jahren als gast in dem schönen land mit den hohen bergen, den grünen seen und warmen winden lebte, ging mit einem der neu dort war und auch dauerhafter gast werden wollte, in den ausgang, um ihm bei einem bier zu erklären, was in dem land, neben seiner schönheit und den sehr speziellen aber angenehmen menschen, noch anders war als im grossen heimatland.
massiv stand es einem ab und an einfach im wege und musste sich viel weniger selbst behaupten, da es einfach da war. mauern musste man hier nicht bauen und wieder einreissen. sie waren schon immer da und wurden seit jahrhunderten immer wieder überwunden. mit offener hand, wie heute auch noch.
es zählte weniger das wort, die steuern waren tief, die beamten freundlich und die ampeln sozialistisch geschalten.

herr ü. führte den landsmann in einer der schönen und berühmten städte des landes durch die engen gassen. durstig und durchgefroren hielten sie ausschau und fanden auch schnell ein besonders heimelig durch bleiglas leuchtendes beizchen.
die herren kehrten ein. auf abgeschabte schwarze lederbänke, in eine bar deren besten zeiten gewesen sein mussten, als anderswo noch mauern standen. da die nun schon lange offen waren und es eine personenfreizügigkeit gab, waren die einzig anwesenden gäste einige junge osteuropäische frauen, die ihre haut und mehr freizügig zeigen würden, so die langsam eintrudelnden herren freigiebig genug waren.

herr ü. fragte die kellnerin nach feuer.
dai menje poschalsta spitschki. sagte er spontan und war ob sich selbst erstaunt. so was lernte man, wenn man hinter der mauer aufgewachsen war.

bald sass eine sehr schöne, total betrunkene lettin bei ihnen und das gespräch entwickelte sich so, dass herr ü. aufstand und "i schänk dir mis härz" aus der jukebox kitzelte. die junge frau fand sowieso viel mehr interesse an seinem jüngeren kollegen. herr ü. wurderte sich nicht, augenscheinlich sah man ihm an, in keiner sexuellen not zu sein. herr ü. war dermassen verliebt, dass er erstmals in seinem leben sogar ein foto der geliebten bei sich trug, dass er dann beim bezahlen einer der runden dem kollegen und der lettin auch noch zeigte.

ab da hatte er ruhe und unterhielt sich auf russisch mit der bedienung ohne zu verstehen warum es genau ging. die oma war tot. irgendwie. oder eine matrjoschka kaputt.
auch der kollege machte keine anstalten sich auf das verlockende angebot der jungen frau einzulassen. doch herr ü. ahnte nöte, die es vielleicht später nötig machten, von diesem ort zu wissen und sagte dem kollegen, er solle sich gut merken, wo diese bar wiederzufinden war.

herr ü. konnte sich an die ersten jahre im fremden land gut erinnern. da hatte er manchmal in seiner einsamen not einen solchen laden gesucht und nie gefunden.
erst jetzt, als er wie ein teenager ein bild der liebsten bei sich führte, lief er wie ferngesteuert in den altstadtpuff.

dem mond zwinkerte er zu, als er glücklich allein ins hotel zurück ging.
und der mond grinste kalt zurück.
so war das in dem schönen land.

Donnerstag, November 23, 2006

vorfreude

herr ü. freute sich derart vor, auf die begegnungen mit seiner geliebten, dass er sauer wurde, war sie dann da.
erst als ihm ihre schamlippen die luft nahmen, lernte er wieder und wieder einmal durch sie, das JETZT zu schätzen.

Sonntag, November 19, 2006

kinderscheisse im hirn

herr ü. bemerkte, nervös zu sein, da er fand im falschen abteil platz genommen zu haben, nachdem er die gellenden kinderstimmen wahrnahm, die nun kurz nach abfahrt den wagon ausfüllten. es war ein getobe hinter ihm und der kleinste der schreihälse, der kleine brabbler, musste unbedingt sein neuestes probieren und mit hilfe der mutter durch den schwankenden zug laufen. herr ü. ersparte sich eine reaktion, da sich schon alle anderen köpfe im wagen lachend dem kleinen zuwandten.

herr ü. betrachtete den streifen haut zwischen shirt und hose der gebückten mutter und überlegte, ob er seinem sohn das laufen auch zwischen luzern und bern beibringen würde. der kleine war ja süss, doch hinter ihm die stimmen bohrten sich in sein strapaziertes hirn. herr ü. hatte den ganzen tag an einem liebeslied gearbeitet und war nun erschöpft. da drehte der kleine seine richtung abrupt und lief auf herrn ü. zu. atatataprrrrrpffff sagte er dabei und lachte ihn an. herr ü. strahlte und sah der mutter ins gesicht. hohe bögen von dunklen augenbrauen nahmen ihm die luft. kirchenkuppeln über augen die kein drittes brauchten. graublaue seen der tiefe bildeten den altar, schwarze pupillen das tabernakel. eine lachende nase führte zu einem offnen, leicht aufgeworfenen mund. lippen die allein reichen konnten, dieser frau ein kind zu versprechen.

herr ü. verstand, dass mann eine frau nur dann wirklich lieben konnte, wenn man kindern erlaubte, einem löcher ins hirn zu bohren. die schönen gedanken zu zertrampeln und sich selbst draufzusetzen. mit voller windel. irgendwann war genug eigene scheisse produziert, dachte herr ü. und freute sich auf daheim.
heute abend würde er versuchen, der geliebten in wilder raserei ein kind in den bauch zu schieben. mit dem würde er später laufen lernen. im zug zwischen bern und luzern. der kleine sollte von anfang an zielklar durchs leben schwanken, wie herr ü. es auch tat.

Freitag, November 17, 2006

déjà vu

herr ü. schnurrte in die dunkelheit über ihrem lager, in das gesicht der geliebten, dass so deutlich und nah vor ihm stand, auch wenn sie neben ihm lag, er ihre brust an sich spürte, was ihn verwirrte und im halbwahn reden liess.
sie unterbrach seinen fluss, die gebetstrommel seiner worte, die auch sie über die böden des selbst hoben.
"du ich habe grad ein déjà vu."
herr ü. erschrak, denn augenscheinlich begann sich seine einzigartigkeit schon zu wiederholen.
sie verstummten für länger.
erst als der morgen die tücher von den spiegeln nahm, wusste er beruhigt, dass es aber einzigartigkeit blieb, die sich wiederholte.
das hatte er in dieser nacht von ihr gelernt.
und liebte sie.
auch das wiederholte sich.

Mittwoch, November 15, 2006

wind

herr ü. hatte schon ausgesprochen exklusiv, auserwählt, besonders und einzigartig gewohnt. an aussichtslagen und in postkarten. als kleiner plastikmensch in gottgemachten modellbahnanlagen, privilegiert für die, die urlaub machten, wo er wohnte, die für eine aussichtsplattform hielten, was sein parkplatz war. er liebte föhntäler und hatte segeln auf dem grünen see gelernt über den er sonst hinweg sah. .

jetzt bogen sich schlanke birken vor seinem fenster im wind, liessen die orangen blätter gehen. ihr rauschen klang wie meer. herr ü. bemerkte, dass ihm das reichte. er hörte wind und sah ihn.
herr ü. wurde bescheiden.
spät.

Dienstag, November 14, 2006

das ewige

herrn ü.s geliebte entwand sich seinen armen, floh seinen starken beinen, dem drängenden schoss, seinem gewicht und seiner hitze.
leise gurrte sie in seine schulter, sie wolle sich bewahren, was sie soeben erlebt habe. die dimension war ihr neu, dieser orgasmus hatte ihr gereicht, keiner nach dem konnte anderes tun, als den eindruck des ersten zu schwächen. sie wollte dieses beben leise gehen fühlen.
herr ü. wusste es wie immer bessser.
und schon wieder begann das werben.
das ewige.
das werben um diese frau.
um die er ewig werben wollte.

Freitag, November 10, 2006

schwesternschülerinnen

herr ü. hatte einen maladen freund im spital besucht und mit ihm in der cafeteria gesessen. der tisch neben ihnen war voll sehr junger mädchen, schwesternschülerinnen im ersten jahr. der freund, eindeutig auf dem weg der besserung, philosphierte darüber, dass diese jungen dinger hier schon mit der welt mitgackern durften, er sich aber strafbar mache, würde er an einer von denen wirken lassen, was bei anderen ja auch wirkte. herr ü. wusste gar nicht so ganz genau, was an seinem freund operiert worden war. wahrscheinlich hatte er sich ja die hornhaut von der glans penis schleifen lassen.
aber auch herr ü. bekam männergedanken. darüber, das solche unfertigen gesichter auf solch fertigen körpern sassen. und er erwischte sich, wie er einem besonders drallen hintern nach sah. du alter sack fuhr er sich an und konzentrierte sich auf die gesichter.
halb kinder manche, verhangen und versteckt andere. auch schon wissende darunter. die eine sehr da, die andere weit weg. von einer blödheit beseelt, die sie nie wieder verlassen würde, oder mit einem schnellen blick ausgestattet, der sie im leben weit bringen könnte. herr ü. versuchte, die zukunft der mädchen aus ihren gesichtern zu lesen. nicht die lauteste würde mal leitlöwin werden, sondern die mit den schnellen augen. die war ruhig aber überall dabei. andere würden zu spassigen partymäusen erblühen, die man mit dreissig schon nicht mehr wahrnahm unter jüngeren, bunteren. andere würden erst in diesem alter erwachen und von da ein stolzes leben führen. manche würde unter die räder eines kinderwagens kommen. ja immer noch. und eine würde früh sterben. herr ü. sah welche. und wendete den blick von ihr.

daheim nahm er die tücher von den spiegeln und sah sich wieder einmal an. ihm sah man an, dass er schon gelebt hatte und das nicht zu knapp. und man sah, dass er vergangenheit hatte, aber auch gegenwart. er würde zukunft haben. noch loderte ihm der blick.

in ketten aus licht

herr ü. erschrak, beim grundlos über den rechner aus dem fenster sehen, über eine kolonne glühwürmchen, die über herrn nachbars hecke zuckte. die invasion der leuchtkäfer war artifiziell, frau nachbarin versuchte, die hecke mit einer lichterkette zu schmücken. es war jetzt die dunkle zeit und bald weihnachten. erst nachdem herr ü. "bitte nicht!" gedacht hatte, wurde ihm bewusst, dass ihm dieses jahr, die übliche lichtverschmutzung noch gar nicht aufgefallen war. die in weihnachtsbeleuchtung gewickelten zementsilos, der elektrische goldregen aus balkonen, die mit lichtpunkten wie ausrisslinien versehenen nackten stämme und verästelungen kahler bäume. all das hatte ihm in diesem jahr noch keinen brechreiz beschert. wohl, weil er heuer so viel licht in sich hatte, der boden leuchtete, wo er hintrat, die welt hell war von seiner aura. anders war es ja nicht zu erklären.

herr ü. liebte licht und deshalb auch die dunkelheit. seine kleine wohnung war voll schöner leuchtkörper. manche heimelig, manche praktisch, manche kühl, einige erinnerten ihn an seine seele. strahlten rauhes, warmes licht. so stellte er sich das halt vor.

umsomehr hasste er lichterketten, die vor zwanzig jahren mal ein bisschen originell gewesen waren und vor zehn jahren modern. in all den wohnungen von frauen, die er erinnerte, hatten sie gehangen. um die küchenlampe(!) geschlungen, in klobrillen gegossen, und an so vielen fenstern hängend. irgendwann baumelte dann auch eine an seiner statt im eigenen wintergarten. das tat sie noch heute. herr ü. sass längst nicht mehr in dem. seine beleuchteten frauen und plätze hatte herr ü. immer wieder verlassen. um endlich selbst zu leuchten und nicht zu hängen.

lichtwände mit changierenden farben, die er sich in einem leben und zwei frauen vorher selbst gebaut hatte, gab es heute zu kaufen. vielleicht merkt man daran, alt zu werden, wenn man in teueren läden seine alten ideen zu kaufen bekommt.

frau nachbarin hatte nun fertig gewickelt und die hässliche hecke für wochen aus dem gnädigen schutz der dunkelheit gerissen.
nun sah man eine hässlich beleuchtete hässliche hecke.

herr ü. setzte sich in seinen grossen sessel, knipste die extraschwache birne der wunderbaren plisseeschirmlesestehlampe an, legte die brahmsballaden op. 10 auf und studierte den immobilienteil noch mal genau.

©götz schwirtz

Samstag, November 04, 2006

mond

herr ü. trieb im solewasser und liess sich vom vollen mond bescheinen. gestört wurde er nur von einem mann, der seiner ebenfalls treibenden frau ständig "vorsicht!" zurief, wenn sie zu kollidieren drohte.
war es das warme abtauchen im gluckern des beckens, das salz, das er im gesicht spürte,die atemübungen oder eben der mond, irgendwas schickte ihn in eine seiner trancen. egal, herr ü. redete mit dem mond. wie immer über frauen. wie immer über "die" frau in seinem leben. von denen hatte es schon mehrere gegeben. herr ü. hatte den mond schon angeschrieen, angeheult, hatte sich von ihm viel sagen lassen müssen danach und suchte immer wieder den kontakt. mal orangerot im hafen über hamburg, mal elfenbein in schlechten nächten auf sardinien. der mond hatte ihm dort gesagt, dass er gerade unvorsichtig und unaufhaltsam eine liebe verlor. die, die er jahre vorher auf elba blau in ihn gelegt hatte. sein erstes mondbad. erst als ihm nur noch der mond blieb, das einzig ewige in seinem leben, begann herr ü. mit ihm zu sprechen. und so auch mit sich. über den mond lernte er beten. gott anbeten und sich selbst anflehen. nur so ist es richtig.
manchmal zwinkerte er ihm zu, später bedankte er sich bei ihm. mit einer neuen liebe ihm arm. mit der hatte er sein letztes mondbad genommen. auf der dachterrasse in einer altstadt.
herr ü. lag im wasser und spürte, dass der mond einfach begleiter war. leben und lieben musste herr ü. allein. immer weiter.

helden

herr ü. liess sich gern geschichten von frauen erzählen. zum beispiel die, der immer noch jungen frau, die von einem schweizer dorf aus, mit achtzehn jahren ein busticket nach polen löste und erlebte, was man erlebt, wenn man so reist. warme menschen. und damit eine der schönsten reisen ihres ganzen lebens.
zwei jahre später traute sie sich nicht, spontan am bahnhof zoo auszusteigen und ebenso freie tage zu geniessen. sie hatte angst vor berlin. in der schule war die geschichte der christiane f. intensiv behandelt worden.
herr ü. liebte mutige frauen, die sich für unbeeinflussbar hielten und es auch fast waren.
und pfiff den bowie beim abwasch mit.

spiegel

herr ü. träumte von einem nackten puck mit schönem po und dicken eiern. "fall in liebe, zum ersten was du am morgen siehst!" flüsterte der mit schlechtem atem in sein ohr.
taumelig nahm herr ü. nach dem erwachen die tücher von den spiegeln.ich muss zuerst den esel lieben, wusste er.
und wurde glücklich an dem tag.

Freitag, November 03, 2006

überraschung

herr ü. hatte lust, das laub der bäume wie früher vor sich her zu schieben. doch es war nass und seine schuhe zu gut. auch zum laufen, trotzdem drehte er lange runden durch die dunkle stadt. ihm kam es vor, als kreise er um sein haus, mied er die wohnung, in der seine frau mit dem abendbrot wartete. sie redeten zwar kaum, aber assen noch miteinander. herr ü. war gewesen, wohin sie ihn geschickt hatte. beim männlichen part des therapeutenpaares, welches später gemeinsam die ehe von herrn und frau ü. heilen sollte. der anfang wurde im solo und über kreuz gemacht. herr ü. hatte viel erzählt, wie das ein guter psychologe schnell hinkriegt und sich die meisten antworten bald selbst gegeben. auf fragen, die er nie gestellt hatte.
warum nur hatte er dann antworten?
darüber dachte herr ü. auf seinen wegen durch die tropfende stadt nach. "sie wissen" hatte der therapeut zum schluss gesagt, "frauen wollen überrascht sein. was da so eintönig ist, sind sie, lieber herr ü!" das hatte gesessen und kreiste seit dem in ihm.
als es zu spät zum essen war, kehrte herr ü. heim. "schatz, ich habe eine grosse überraschung für dich." strahlte er seine frau an. "ich ziehe aus. und zwar sofort!"
damit war der psychologe widerlegt.